
Martigny — Côte d'Azur: Grenzerfahrung auf zwei Rädern
Von Patrick Choinowski.
Alpe d’Huez, Galibier, Iséran — jeder Radfahrer schnalzt beim Klang dieser Namen mit der Zunge. Für viele ist die Bewältigung der französischen Alpenpässe der Höhepunkt in der Radlerkarriere. Sie auf einer Tour de France von Martigny bis zur Côte d’Azur zu meistern und zu erleben, muss kein Traum bleiben.
Es ist ein glasklarer Morgen. Vom Hotelbalkon blicken wir hinauf in ein Tal, das zwischen Tannenwäldern in schier endlos wirkenden hohen Felswänden endet. "Da müssen wir hoch", schießt es uns durch den Kopf. "Da irgendwo versteckt liegt der Große St. Bernhard." Adrenalin und Vorfreude schieben der Angst einen Riegel vor. Keiner kann es erwarten, endlich in die Pedale zu treten. Noch kräftig beim Frühstück zuschlagen, das Rennrad kurz überprüfen, das Begleitfahrzeug beladen — und schon geht es los. Sieben Tage, knapp 800 Kilometer und 16.000 Höhenmeter warten auf uns bis zum Ziel in Menton.
Martigny, Schweiz, 8 Uhr:
Der Große St. Bernhard ist der erste Pass, den es auf der Route des Grandes Alpes von der Schweiz aus bis an die Côte d’Azur zu bewältigen gilt. Dass er seinen Namen verdient hat, erkennen wir nicht sofort. In der warmen Morgensonne genießen wir die leichte Steigung, nur hie und da überholt uns mal ein Auto oder ein Bus. Eine große Herausforderung erwartet uns erst auf den letzten zehn Kilometern. Da geht es nach einer Tunnelgalerie steil hinauf auf der alten Passstraße. Eng ist die und trotz der gewaltigen Landschaft mit ihren schroffen Felsformationen bekommen wir nicht richtig Lust auf den Pass. Unzählige Busse quälen sich vorbei, der Autoverkehr ist mittlerweile auch immens. Und oben, auf der Passhöhe erwartet uns nicht nur ein Meer aus Plüsch-Bernhardinern. Schon ein paar hundert Meter vor dem Übergang stehen die Autos Schlange. Vielleicht hätten wir doch etwas früher in Martigny aufbrechen sollen? Egal, jetzt kann man es nicht mehr ändern. Wir balancieren unser Rennrad durch den Verkehr und anschließend auf einer rauschenden Abfahrt hinunter ins Aosta-Tal.
Aosta, Italien, 13 Uhr:
Die Mittagshitze macht aus dem Hauptort des Tales einen Schwitzkasten. Lange verweilen ist in Papst Benedikts Lieblingsurlaubsort nicht angesagt und angebracht. Gut, für einen Espresso oder Cappucino muss Zeit sein. Ein bisschen Italo-Flair wollen wir doch genießen. Die Aussicht, mit dem Kleinen St. Bernhard noch einen zweiten Pass am ersten Tag bewältigen zu müssen, lässt den Genuss des Dolce Vita schnell verfliegen. Klein ist der Pass mit Blick auf das Mont Blanc-Massiv aber keineswegs. In der sengenden Hitze quält sich das Rad hinauf — Serpentine für Serpentine, Steilhang für Steilhang. Doch bald ist es geschafft. Oben auf 2200 M.ü.M. genießt man die Aussicht. Die Sesselliftstationen sind weniger attraktiv, aber sie symbolisieren: Wir sind in Frankreich angekommen. Unten, in Seez warten Hotel und Übernachtung, bevor sie dann so richtig losgeht, die Tour de France.
Seez, Frankreich, 9 Uhr:
Noch verdecken dünne, dunkle Wolken die Sonne. Die Luft ist frisch. Tief atmen wir durch als wir das Tal der Isère entlang rollen. Wohl wissend, was uns die nächsten 50 Kilometer erwartet: Der Anstieg zum Col de l’Iséran, mit 2764 Metern hinter der Cime de la Bonette der zweithöchste asphaltierte Alpenpass. Es ist zugleich der erste, der Radprofi-Gebiet ist. Hier fährt die Tour de France mindestens jedes zweite Jahr drüber. Steil ist der Iséran wie die meisten französischen Alpenpässe nicht, dafür aber lang. Zwei Tschechen überholen uns als wir so dahin rollen und versuchen, so schnell wie möglich das Laktat des Vortages aus unseren Muskeln zu bekommen. Schließlich haben wir niemanden, der uns am Abend pflegt, massiert, behandelt. Dafür aber haben wir die Gewissheit: Alles, was wir schaffen, schaffen wir ehrlich und aus Spaß an der Freude. Zugegeben, ohne den einen oder anderen Energieriegel oder ein Zuckergel geht es fast nicht.
Die Tschechen scheinen gut drauf zu sein, doch an der Abzweigung nach Lac de Tignes haben wir sie abgehängt. Am Stausee geht es entlang Richtung Val d’Isère. Diesem grässlichen Retortenort, der einer Betonwüste mitten im Felsenmeer gleicht. Zügig rollen wir hindurch und, als die Luft immer dünner und die Temperaturen geringer werden, haben wir es geschafft: Der Iséran ist bezwungen. Sein Markenzeichen: Ein Süßigkeitenhändler bietet bunte, süße Ware an. Der ausgelaugte Radler kommt nicht daran vorbei, sich etwas mitzunehmen auf die Abfahrt nach Lanslebourg und den Schlussanstieg des Tages, den Col du Télégraphe.
Valloire, 8.30 Uhr:
Gespenstisch erscheinen die markanten Felswände im engen Tal, in dem sich die Passstraße hinaufschraubt. Heute ist der Tag der Tage. Es warten die Könige der Pässe: Col du Galibier und Alpe d’Huez. Die Schriftzüge aus bunter Kreide auf dem schwarzen Asphalt lassen uns den Geist der echten Tour de France einatmen. Fast fühlt man sich wie ein Profi, überall applaudieren Wanderer, feuern Autofahrer zum schneller Fahren an. Trotzdem, am dritten Tag ist der Tritt nicht mehr ganz so leicht. Da heißt es locker pedalieren am Galibier. Schließlich muss ja noch Kraft da sein für das große Finale des Tages: Alpe d’Huez.
Ebenso wie der Col du Galibier hat vor allem der Anstieg nach Alpe d’Huez etwas Mystisches. Die Leistungen des legendären Marco Pantani oder Lance Armstrong interessieren uns nicht wirklich. Die Zeiten, denken wir, sind sowieso nicht unter Normalbedingungen erreicht worden. In 37 Minuten 25 Sekunden die 13,2 Kilometer lange Straße hinaufzuradeln, erscheint wirklich nur mit chemischer Unterstützung machbar. Die brennende Sonne und ein mittelstarker Gegenwind verderben uns ein wenig die Freude. Alleine der Enthusiasmus der stets langsam vorbei rollenden Autofahrer spornt zu Höchstleistungen an. Alles holen wir aus uns heraus, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Unter 60 Minuten wollten wir brauchen — wer es schafft, ist glücklich, wer nicht, auch. Hauptsache bezwungen und im Radsport-Mekka angekommen. Dass die Beine schwer wie Beton sind und alles schmerzt, spielt keine Rolle. Freilich sei die Frage gestattet: Warum das eigentlich alles? Antwort gibt es keine. Hier oben in Alpe d’Huez ist wirklich nichts reizvoll. Es ist einfach die Begeisterung, der Geist des Radsports, der hier durch die Betonhäuserbuchten weht und der den gewöhnlichen Hobbyrennradler ein wenig in ein Profi-Feeling taucht.
Bourg d’Oisans, 8.30 Uhr:
Im Ort am Fuße des Anstiegs nach Alpe d’Huez haben wir versucht zu regenerieren. Pizza, Pasta und Eis waren aber wohl nicht die wahren Mittel. Schwere Beine haben wir. Schließlich ist es bereits der vierte Tag ohne Pause. Da es sich sowieso nicht empfiehlt, den Col du Lautaret mit dem Rad in Richtung Col du Galibier und Briancon zu fahren, steigen wir in unser Begleitfahrzeug. Den Galibier schließlich nehmen wir auch noch von der Südseite unter die Räder. Anschließend in einer rauschenden Abfahrt nach Briançon und dann den Anstieg zum Col d’Izoard. Dessen Reiz versteckt sich in der Abfahrt in den Süden Richtung Guillestre. Die "Casse déserte" will und muss bewundert werden. Da wir sowieso etwas schwer treten, kommt selbst ein Fotostopp in der Abfahrt gerade recht. In eine Steinwüste fühlt man sich versetzt. Kurz unter der kargen Landschaft wartet saftiger, grüner Nadelwald und dann wieder eine enge, überwältigend schöne Schlucht aus rotem Stein, die wir nach Guillestre hinausrollen.
Guillestre, 9 Uhr:
Ein Ruhetag hat uns wieder zu Kräften kommen lassen. Nach vier Tagen im Sattel tat der wirklich gut. Zumal nun die Kletterei auf den höchsten zu befahrenden Pass Europas wartet: die Cime de la Bonnette, das Dach der Tour. Zuvor geht es noch über den unspektakulären Col de Vars. Dann, gleich die erste Abzweigung links in Jausiers zeigt ihn an, den Beginn der Straße auf die Cime de la Bonnette. Ein überdimensioniertes, braunes Schild weist uns den Weg. Zunächst durch Siedlungen, dann in Wälder und über Almwiesen hinein in eine schroffe Felslandschaft führt die frisch asphaltierte Straße. Alle Vegetationsstufen durchfährt man beim Anstieg. Und oben auf 2802 Metern scheint man dem Himmel nah — und das auf zwei Rädern. Richtung Süden schweift der Blick zum Meer. Es scheint nicht mehr weit zu sein. Die Abfahrt vom Bonette ist zwar in einem miserablen Zustand, doch aufhalten kann uns jetzt nichts mehr.
Isola, 9 Uhr:
Die letzte Übernachtung an der italienisch-französischen Grenze haben wir gut hinter uns gebracht. Auch wenn es sich nicht empfiehlt in einem der beiden Hotels in Isola Quartier zu beziehen. Beide bieten ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis. Auch Qualität und Menge des Essens sind für Radler nicht unbedingt geeignet. Vergessen! Der letzte Tag wartet noch einmal mit drei kleineren Pässen. Freilich könnten wir von Isola auch direkt die Departmentstraße nach Nizza hinterrauschen.
Doch wir wollen noch den Col St. Martin und den Turinipass mitnehmen. Letzterer bekannt durch die Rallye Monte Carlo. Außerdem ist es ja das Trainingsgebiet von Alexandre Winokurov vom Astana-Team, das wir so unter die Lupe nehmen können. Und es wurde uns nicht zuviel versprochen. Die Landschaft ist reizvoll. An steilen Felswänden zieht sich der Turinipass empor. Immer mal wieder kommt ein kleines, Schatten spendendes Wäldchen vorbei. Über unzählige Kurven geht es schließlich hinab nach Sospel. Nur noch den Col de Castillion überwinden. Die Luft ist salzig, ein erster Blick auf das Mittelmeer lässt sich bereits auf der Passhöhe erhaschen. Nur noch eine Abfahrt bis zum Ziel in Menton. Dass es regnet und wir nicht direkt ins Meer springen können — was soll’s! Wir haben uns einen Traum erfüllt, ganz ohne Hilfsmittel, nur mit Enthusiasmus, Freude und Willen.
Etappendaten und Bilder
von Klaus Weisbrod.
Der RV Adler Buchloe macht in diesem Sommer einen kleinen Ausflug ins Café de Paris nach Monte Carlo. Unterwegs können günstig Kilometer, Höhenmeter, Hungeräste, Frostbeulen und Schwielen an den edelsten Stellen erworben werden. Die Fahrt geht durch die entlegendsten Gegenden des französisch- italienischen Grenzgebietes. Die Tour ist so organisiert, dass ein Entkommen unmöglich ist.
29.07. 2006 Buchloe - Martigny
| Höhe | km | km kumuliert | Höhenmeter | Marschtabelle | |
| Disentis | 1143 | 09:00 | |||
| Oberalp | 2040 | 23 | 897 | 10:30 | |
| Andermat | 1447 | 11 | 34 | 11:15 | |
| Furkapass | 2431 | 31 | 54 | 989 | 13:00 |
| Summe | 54 | 1886 | 4h | ||
links : Furkapass und Rhonegletscher
rechts : Oberalppass
Die restlichen 140km bis zum ersten Etappenort Martigny, fahren wir wieder mit dem Auto.
30.07.2006 Martigny - Seez
| Höhe | km | km kumuliert | Höhenmeter | Marschtabelle | |
| Martigny | 467 | 08:00 | |||
| Col du Grand St.Bernard | 2473 | 44 | 44 | 2004 | 11:30 |
| Aosta | 583 | 32 | 76 | 13:00 | |
| Col du Petit St.Bernard | 2188 | 56 | 132 | 1605 | 16:00 |
| Seez | 1000 | 28 | 160 | 17:30 | |
| Summe | 160 | 3611 | 9,5h | ||
31.07.2006 Seez - Valloire
| Höhe | km | km kumuliert | Höhenmeter | Marschtabelle | |
| Seez | 813 | 09:00 | |||
| Col d'Iseran | 2770 | 45 | 45 | 1957 | 12:00 |
| St.Michele de | 678 | 73 | 118 | 15:30 | |
| Col du Telegraph | 1566 | 11 | 129 | 888 | 16:45 |
| Valloire | 1399 | 6 | 135 | 17:00 | |
| Les Verneys | 1544 | 3 | 138 | 145 | 17:30 |
| Summe | 138 | 2990 | 8,5h | ||
01.08.2006 Valloire - Bourg d'Oisans
| Höhe | km | km kumuliert | Höhenmeter | Marschtabelle | |
| Les Verneys | 1544 | 09:00 | |||
| Col du Galibier | 2646 | 14 | 14 | 1102 | 11:50 |
| Bourg d'Oisans | 730 | 48 | 62 | 13:45 | |
| Alpe d'Huez | 1860 | 13 | 75 | 1130 | 16:40 |
| Bourg d'Oisans | 730 | 13 | 88 | 17:00 | |
| Summe | 88 | 2232 | 8h | ||
02.08.2006 Bourg d'Oisans - Châteauroux-les-Alpes
| Höhe | km | km kumuliert | Höhenmeter | Marschtabelle | ||
| Bourg d'Oisans | 730 | 09:00 | ||||
| Col du Lautaret | 2058 | 39 | 39 | 1328 | 11:20 | |
| Briancon | 1321 | 27 | 66 | 12:30 | ||
| Col d'Izoard | 2360 | 20 | 86 | 1039 | 14:20 | |
| Guillestre | 1000 | 31 | 117 | 16:30 | ||
| Châteauroux-les-Alpes | 11 | 128 | 100 | 17:00 | ||
| Summe | 117 | 2467 | 8 h | |||
03.08.2006 Châteauroux-les-Alpes - Châteauroux-les-Alpes Seerundfahrt
| Höhe | km | km kumuliert | Höhenmeter | Marschtabelle | |
| Châteauroux-les-Alpes | 975 | 10:00 | |||
| Savines-le-Lac | 775 | 15 | 15 | 10:20 | |
| Chorges | 865 | 11 | 26 | 90 | 11:00 |
| Col Lebraut | 1110 | 8 | 34 | 245 | 11:30 |
| Les Celliers | 650 | 10 | 44 | 12:00 | |
| La Breole | 1197 | 7 | 51 | 547 | 13:00 |
| St-Vincent | 1112 | 8 | 59 | 13:30 | |
| Ubaye | 900 | 11 | 70 | 13:50 | |
| Col de Pontis | 1301 | 9 | 79 | 401 | 14:30 |
| Savines-le-Lac | 775 | 9 | 88 | 14:45 | |
| Châteauroux-les-Alpes | 975 | 15 | 103 | 200 | 15:30 |
| Summe | 102 | 1483 | 5,5h zuzgl. Pausen |
04.08.2006 Châteauroux-les-Alpes - Isola
| Höhe | km | km kumuliert | Höhenmeter | Marschtabelle | |
| Châteauroux-les-Alpes | 975 | 09:00 | |||
| Guillestre | 1000 | 15 | 15 | 100 | 09:30 |
| Col de Vars | 2109 | 20 | 35 | 1109 | 11:20 |
| Jausiers | 1220 | 22 | 57 | 12:30 | |
| Cime de la Bonette | 2802 | 24 | 81 | 1582 | 15:10 |
| Isola | 871 | 41 | 122 | 17:00 | |
| Summe | 122 | 2791 | 8 h | ||
05.08.2006 Isola - Monte Carlo
| Höhe | km | km kumuliert | Höhenmeter | Marschtabelle | |
| Isola | 871 | 09:00 | |||
| Abzweig D2564 | 450 | 17 | 17 | 09:30 | |
| Col de St.Martin | 1500 | 22 | 39 | 1000 | 11:10 |
| L.Bollene D70 | 503 | 16 | 55 | 11:40 | |
| Col de Turini | 1607 | 15 | 70 | 1104 | 13:20 |
| Sospel | 349 | 24 | 94 | 14:00 | |
| Col de Castillion | 707 | 9 | 103 | 358 | 14:30 |
| Menton | 0 | 10 | 113 | 15:00 | |
| Monte Carlo | 0 | 11 | 124 | 16:00 | |
| Summe | 124 | 2462 | 7h | ||
916 km mit 19747 Hm in 58 Stunden
























