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Rennrad
Nachdem Roland Huppmann die Via Francigena, einen alten Pilgerweg von Canterbury nach Rom schon per Rad zurückgelegt hatte, lag es nahe, mit zwei Mitstreitern dort anzusetzen, wo seine Tour im vergangenen Jahr geendet hatte. Also Rad in den Flieger gepackt und auf der Via Appia von Rom gen Süden. Während die alte Straße kaum vorhanden war, zeugten in der Oberstadt von Terracina noch Teile des originalen Wegs sowie Bögen von der über 2000 Jahre alten Geschichte der Römer. Durch endlose Felder und Olivenhaine gings quer über den Apennin hinüber nach Bari, und nach einer Nacht auf der Fähre startete der griechische Abschnitt der Tour. Die führte im großen Bogen entlang der Küste über Kyllini nach Olympia, wo Bekannte für ein Bett und die Führung durch die historischen Stätten gesorgt hatten. Durch Landschaften, die den Vergleich mit der Toskana nicht zu scheuen brauchen, gings weiter ins Landesinnere, und nach etlichen Kilometern auf unbefestigten Bergstraßen war Tripoli erreicht. Der Palast von Mykene mit seinem Löwentor stand auf der Agenda, aber erst mussten die Drei ein unbefestigtes Bergsträßlein meistern, auf den Karrenwegen hinunter stellten sich Hütehunde mutig vor ihre Herden. Der Schäfer sorgte aber für Durchkommen, und kurze Zeit später lud ein am Wegrand liegendes Kloster zum Verweilen. Weiter gings zum Amphitheater von Epidaurus, und während die Radler fotografierten, kamen sie mit einer Frau ins Gespräch, die mit Bleistift und Farbe in kurzer Zeit eindrucksvoll das Halbrund zu Papier brachte.
Über einen Abzweig von der Passstraße führte die nächste Etappe hoch ins Hinterland, aber der Ausblick auf das darunter liegende Meer sowie die Abfahrt hinunter nach Korinth entschädigten für die Anstrengungen. Dort bewunderten die Radler die am westlichen Ende liegende Senkbrücke, bevor sie entlang des Kanals zur weltberühmten Brücke über den Isthmus gelangten. Von dort gings immer weiter westwärts, das Navi baute eine Fährverbindung ein und ruck zuck standen die Buchloer in Athen. Das obligatorische Sightseeing-Programm mit Akropolis und Olympiastadion absolvierten sie ohne Eile, kamen aber gerade noch rechtzeitig zum Wachwechsel am Syntagma-Platz, wo am Abend zudem noch der Enkel von Mikos Theodorakis, Komponist und ehemaliger Minister, ein Konzert gab. Eine weitere Nachtfähre brachte die Drei von Piräus nach Lesbos, von dort ist die Türkei nah, womit auch bereits der letzte Abschnitt der Reise eingeläutet war. Der Muezzin riss die Schläfer unvermittelt aus den Träumen, also packten sie ihre Packtaschen und radelten nach einem türkischen Frühstück mit Cay, Oliven und Börek weiter in Richtung Assos. Kilometerlang schüttelte das Knochensteinpflaster Mensch und Rad, bis sich endlich ein Strandhotel zur Übernachtung fand. Die Besichtigung der Ruinen bot zwar auch einen herrlichen Blick übers Meer, verschlang aber eine Menge Zeit, so dass es fast unmöglich schien, das nächste Tagesziel zu erreichen. Trotzdem bauten sie noch den westlichsten Punkt der Türkei in ihre Tour ein und hatten noch ein Rudel Hunde zur vertreiben, die sich ihnen in einem Küstenabschnitt in den Weg gestellt hatten.
Auf dem weiteren Weg besichtigten sie ganz nebenbei das antike Troja, wobei sie das bekannte Holzpferd letztlich am Hafen von Canakkale, einer sehr quirligen Stadt, besichtigen konnten. Auf der nördlichen Küste der Dardanellen gings an Gallipoli vorbei Richtung Tekirdak, wobei zur Linken das Mittelmeer und zur Rechten das Marmara-Meer leuchteten. Nach ein paar weiteren Übernachtungen war Istanbul erreicht, die 17 Millionen Einwohner-Stadt verblüffte dabei nicht nur mit ihren Bauwerken, sondern vor allem mit ihren Einwohnern. Trotz zahlreicher Touristen, die etwa die Blaue Moschee, die Haghia Sophia oder die Zisternen-Basilika regelrecht belagerten, zeigten sich alle angetan, mit den Radlern aus Deutschland in Kontakt zu kommen.
Nach 20 Etappen waren Herbert Spengler, Roland Huppmann und Uwe Kühn vom Radfahrverein Adler am Ziel, und außer zwei Platten hatte es weder technische noch körperliche Ausfälle gegeben. In besonderer Erinnerung geblieben ist die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Italiener, aber ganz besonders die der Griechen und der Türken, die die Radler einluden und jegliche Bezahlung ablehnten.
Herbert Spengler